Barrierefreies Webdesign ist ab dem 28.6.2025 gesetzlich vorgeschrieben für mittelständische und größere Unternehmen, die im Internet Produkte und Dienstleistungen anbieten sowie für alle, die digitale Produkte für den Massenmarkt herstellen. Hier z.B. (Link zum VDK) können Sie nachschauen, ob die neue Regelung für Sie gilt.
Für alle anderen besteht rein rechtlich keine Notwendigkeit. Trotzdem stellt sich die Frage, wenn schon eine neue Website erstellt wird, diese vielleicht auch gleich barrierefrei erstellen zu lassen. Nicht nur um eventuellen künftigen gesetzlichen Vorgaben zuvorzukommen. Sondern vielleicht auch einfach: Ja, um Barrieren abzubauen!
„Was für Barrieren?“, mögen Sie jetzt verwundert fragen. Die Mehrheit Ihrer potentiellen Kunden dürften den Unterschied zwischen einer barrierefreien und einer nicht barrierefreien Website auch nicht merken. Aber was wäre, wenn Sie Ihrem Wettbewerb eine Nasenlänge voraus sein könnten? Was ist mit den 10% der Männer mit rot-grün-Schwäche? Was ist mit den Senioren und anderen Menschen mit Augenerkrankungen, die auf starke Kontraste und eine gute Lesbarkeit angewiesen sind? Oder darauf, dass Hilfsprogramme wie Screenreader uneingeschränkt funktionieren und sie schnell zur gewünschten Information führen?
Möchten Sie denjenigen signalisieren: „So wichtig sind Sie und Ihre speziellen Bedürfnisse mir ehrlich gesagt nicht. Ich nehme in Kauf, dass Sie mit der Website nicht zurechtkommen und woanders kaufen“? Oder hoffen Sie insgeheim – und damit liegen Sie in den meisten Fällen zumindest derzeit vermutlich sogar richtig -, dass die Konkurrenz es auch nicht besser macht und die betreffenden Kunden dann vielleicht stattdessen anrufen oder sich „einfach“ von jemandem helfen lassen?
Treppe oder Rampe?
Barrierefreies Webdesign bedeutet einfach, dass Ihre Website für alle ZUGÄNGLICH ist. Dass Sie keinen aussperren.
Das erinnert mich an die Anfänge des Themas „Barrierefreiheit“: Vor 15 Jahren waren Rampen an Häusern eher ein Ausnahmefall und oft auch kein besonders schöner. Heute ist Ebenerdigkeit oder zumindest die Option für eine Rampe auch bei privaten Neubauten meist Standard. Fast jeder wünscht sich, möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben und ist bereit, frühzeitig für alle Eventualitäten vorzusorgen. Spätestens bei späteren Hausrenovierungen geschehen diese Umbauten mit vorausschauendem Blick auf altersgerechtes und selbstbestimmtes Wohnen. – Und nein, machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind nicht versehentlich bei „Schöner Wohnen“ oder der Heimwerkerzeitung gelandet, es geht hier immer noch um barrierefreies Webdesign.
Meiner Ansicht nach ist die Frage nicht nur die nach Kosten und Nutzen, sondern nach einer grundsätzlichen Haltung: Möchte ich es möglichst einfach und billig oder möchte ich es nachhaltig? Möchte ich es einmal solide oder lieber später bei Bedarf neumachen lassen? Möchte ich es für die Mehrheit oder möchte ich es für möglichst viele?
Barrieren sind out!
Ich habe mich gründlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Und wusste ziemlich schnell: Ich werde Websites grundsätzlich nur noch barrierefrei erstellen. Warum? – Weil ich keine Produkte verkaufen möchte, von denen ich selbst nicht überzeugt bin.
- Barrierefreies Webdesign bedeutet, dass jedes Bild mit einer Bildbeschreibung (dem sogenannten „Alternativtext“) versehen wird, damit es auch für blinde Nutzer „sichtbar“ wird, was eigentlich schon seit Jahrzehnten zum „guten Ton“ im Webdesign gehört (anfangs war das auch notwendig, da manche Nutzer aufgrund der schlechten Übertragungsraten das Laden von Bildern teils aktiv verhindert haben – zwischenzeitlich ist diese sinnvolle Vorgabe gerade bei kleineren Projekten wieder etwas in Vergessenheit geraten).
- Barrierefreies Webdesign bedeutet, dass Schriften und Farben gut erkennbar sind. Das wiederum tut allen Nutzern gut, weil die Augen weniger schnell ermüden.
- Barrierefreies Webdesign bedeutet, dass die Seite handwerklich sauber erstellt ist (d.h. semantischer und effizienter Code). Das wiederum ist auch gut für die Performance (Ladezeit) Ihrer Website und die Suchmaschinenoptimierung (SEO).
Ich kann bisher keine Nachteile bei Barrierefreiheit erkennen, werde aber gern berichten, wenn mir etwas dazu unterkommt.
Auch wenn wir von den gesetzlichen Vorgaben bisher nicht betroffen sind: Als Mensch existieren wir immer in und als Teil einer Gesellschaft – wobei wir uns vor allem mit Menschen umgeben, die uns relativ ähnlich sind. Wir können davon profitieren, den Blick zu öffnen für Menschen, für die manches weniger selbstverständlich ist als für uns.
Abseits der Norm zu schauen, bereichert die eigene Lebenswelt und öffnet den Geist. Auf diese Weise entsteht nicht nur Verständnis, sondern auch Kreativität – und diese tut uns nicht nur beruflich gut, sondern birgt das Risiko, unsere Lebenszufriedenheit insgesamt zu verbessern.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen: eine Welt voller Zugänglichkeit.